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Thema: AutorenPerlen

Spruch des Tages





Fest und stark ist nur der Baum,

der unablässig Windstössen ausgesetzt war,
denn im Kampf festigen und verstärken sich seine Wurzeln.

~*~

Seneca, eigentlich Lucius Annaeus Seneca (zugeschrieben)
römischer Politiker, Rhetor, Schriftsteller und Philosoph
* um 4 v. Chr. (Cordoba/Spanien) †um 65 n. Chr.

pfeil0.gif Zitante

Anne Seltmann 03.01.2009, 09.48 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Der Seelenbaum





 


Welt draußen, einsam im öden Raum

steht ein uralter Weidenbaum

noch aus den Heidenzeiten wohl,

verknorrt und verrunzelt, gespalten und hohl.

Keiner schneidet ihn, keiner wagt

vorüberzugehn, wenn's nicht mehr tagt,

kein Vogel singt ihm im dürren Geäst,

raschelnd nur spukt drin der Ost und West;

doch wenn am Abend die Schatten düstern,

hörst du's wie Sumsen darin und Flüstern.


 

Und nahst du der Weide um Mitternacht,

du siehst sie von grauen Kindlein bewacht.

Auf allen Ästen hocken sie dicht,

lispeln und wispeln, und rühren sich nicht.

Das sind die Seelchen, die weit und breit

sterben gemußt, eh' die Tauf' sie geweiht:

im Särglein liegt die kleine Leich',

nicht darf das Seelchen ins Himmelreich.

 


Und immer neue - siehst es du? -

in leisem Fluge huschen dazu.

Da sitzen sie nun das ganze Jahr

wie eine verschlafene Käuzchenschar.

Doch Weihnachts, wenn der Schnee rings liegt

und über die Länder das Christkindlein fliegt,

dann regt sich's, pludert sich's, plaudert, lacht,

ei, sind unsre Käuzchen das aufgewacht!

Sie lugen aus, wer sieht was, wer?

Ja freilich kommt das Christkind her!

Mit seinem helllichten Himmelsschein

fliegt's mitten zwischen sie hinein:

"Ihr kleines Volk, nun bin ich da -

glaubt ihr an mich?" Sie rufen: "Ja!"

Da nickt's mit seinem lieben Gesicht

und herzt die Armen und ziert sich nicht.

Dann klatscht's in die Hände, schlingt den Arm

ums nächste - aufwärts schwirrt der Schwarm

ihm nach und hoch ob Wald und Wies'

ganz geraden Wegs ins Paradies.

 

 ~*~

 

Ferdinand Avenarius 1856 - 1923


Anne Seltmann 16.12.2008, 15.41 | (2/2) Kommentare (RSS) | TB | PL

Ich wünsche mir...



[Foto © Anne Seltmann]





Ich wünsche mir ein Schaukelpferd,
'ne Festung und Soldaten
Und eine Rüstung und ein Schwert,
Wie sie die Ritter hatten.

 

Drei Märchenbücher wünsch' ich mir
Und Farben auch zum Malen
Und Bilderbogen und Papier
Und Gold- und Silberschalen.

 

Um weiße Tiere auch von Holz
Und farbige von Pappe,
Um einen Helm mit Federn stolz
Und eine Flechtemappe.

 

Ein Domino, ein Lottospiel,
Ein Kasperletheater ,
Auch einen neuen Pinselstiel
Vergiß nicht, lieber Vater. !

 

Auch einen großen Tannenbaum,
Dran hundert Lichter glänzen,
Mit Marzipan und Zuckerschaum
Und Schokoladenkränzen.

 

Doch dünkt dies alles euch zu viel,
Und wollt ihr daraus wählen,
So könnte wohl der Pinselstiel
Und auch die Mappe fehlen.

 

Ein Zelt und sechs Kanonen dann
Und einen neuen Wagen
Und ein Geschirr mit Schellen dran,
Beim Pferdespiel zu tragen .

 

Ein Perspektiv, ein Zootrop,
'ne magische Laterne,
Ein Brennglas, ein Kaleidoskop -
Dies alles hätt' ich gerne.

 

Als Hänschen so gesprochen hat ,
Sieht man die Eltern lachen :
"Was willst du, kleiner Nimmersatt,
Mit all den vielen Sachen ?

 

"Wer so viel wünscht", der Vater spricht's,
"bekommt auch nicht ein Achtel -
Der kriegt ein ganz klein wenig Nichts
In einer Dreierschachtel !"


~*~


Heinrich Seidel 

(1842-1906)
 

Anne Seltmann 14.12.2008, 09.32 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Ein Weihnachtsgedicht

 
Ein alter Mann geht durch die Straßen, das Gesicht so nass vom schmelzend Schnee.
Sein Blick dringt durch die bunten Scheiben, ach’ wie schamhaft, zögernd,
steht dort das blutjunge Paar, “Großeltern sollt ihr im Balde werden,
Vater, Mutter, eure Hände, wir es erbitten, reicht sie uns nun dar!

Und alle Lieben und Verwandten sitzen dicht im Kerzenschein;
Das Verstehen, oh’ göttlich Gabe, zieht in ihren Herzen ein.

Er sieht die Mutter dort am Herde, vom lockend Bratenduft umhüllt.
Am Rock gedrängt von ihren Kindern Kleinen, so steht sie im Abendlicht;
Ach wie oft war nur der Kummer, der Sorge Schweiß in ihrer Börse,
doch die lachend, samtig dunklen Kinderaugen gibt neue Zuversicht!


Und alle Lieben und Verwandten sitzen dicht im Kerzenschein;
Kinderaugen fragen: Kommt es nun - das Christkindlein?


Der alte Mann blickt durch die weiten Straßen, unzählig Lichter
dort im Häusermeer. Lichter sie erzählen von des Menschen
Freud und Leid; von ihrer Liebe, vom steten Kampf berichten -
und auch von so vieler Seelen trostloser, tiefer Einsamkeit!

Und alle Lieben und Verwandten sitzen dicht im Kerzenschein;
Stiller Friede, ein Strom der Liebe zieht in ihren Herzen ein.

Er hält jetzt mit müden Füßen, vor ein schmuckes Haus mit großem Tor.
Es steht dort ein neuer glänzend Wagen, kraftvoll, schick im Dekor;
Und so viel Stolz und Freude liegen auf des jungen Paares Angesicht;
Er jetzt verstehend lächelt, erfüllte Wünsche - warum denn auch nicht !

Und alle Lieben und Verwandten sitzen dicht im Kerzenschein;
Hoffnung, und Aller Freude zieht in ihren Herzen ein.

Der alte Mann geht durch die Straßen, wie schwer von fallend Sternen
ist jetzt sein langer roter Rock. “Dort am Haus will ich verweilen,
mich erfreuen an der Türe Kranzeschmuck”. Wie laut sie sich öffnet,
“Wie närrisch”, seine Frau so scheltend, “bist du endlich nun zurück !”

Und alle Lieben und Verwandten sitzen dicht im Kerzenschein;
“Heilig Nacht” ihr alle höret - die Glocken läuten sie jetzt ein!


Reinhard Blohm - Brettin

Anne Seltmann 03.12.2008, 07.31 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Herbst

red


Der du die Wälder färbst,
Sonniger, milder Herbst,
Schöner als Rosenblüh'n
Dünkt mir dein sanftes Glüh'n.
 Nimmermehr Sturm und Drang,
Nimmermehr Sehnsuchtsklang;
Leise nur athmest du
Tiefer Erfüllung Ruh'.
Aber vernehmbar auch
Klaget ein scheuer Hauch,
Der durch die Blätter weht:
Daß es zu Ende geht.




 Ferdinand von Saar

Anne Seltmann 26.10.2008, 15.05 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Der Herbst

 

Der Herbst

 

Viele Drachen stehen in dem Winde,
Tanzend in der weiten Lüfte Reich.
Kinder stehn im Feld in dünnen Kleidern,
Sommersprossig und mit Stirnen bleich.

In dem Meer der goldnen Stoppeln segeln
Kleine Schiffe, weiß und leicht erbaut;
Und in Träumen seiner leichten Weite
Sinkt der Himmel wolkenüberblaut.

Weit gerückt in unbewegter Ruhe
Steht der Wald wie eine rote Stadt.
Und des Herbstes goldne Flaggen hängen
Von den höchsten Türmen schwer und matt.



Georg Heym (1887-1912)

Anne Seltmann 22.10.2008, 08.50 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Herbst





Schon ins Land der Pyramiden
Flohn die Störche übers Meer;
Schwalbenflug ist längst geschieden,
Auch die Lerche singt nicht mehr.

Seufzend in geheimer Klage
Streift der Wind das letzte Grün;
Und die süßen Sommertage,
Ach, sie sind dahin, dahin!

Nebel hat den Wald verschlungen,
Der dein stillstes Glück gesehn;
Ganz in Duft und Dämmerungen
Will die schöne Welt vergehn.

Nur noch einmal bricht die Sonne
Unaufhaltsam durch den Duft,
Und ein Strahl der alten Wonne
Rieselt über Tal und Kluft.

Und es leuchten Wald und Heide,
Dass man sicher glauben mag,
Hinter allem Winterleide
Lieg´ ein ferner Frühlingstag.

~*~

Theodor Storm 
(1817 - 1888)
 

Anne Seltmann 12.10.2008, 09.28 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Warum ein Dichter dichtet

Ein dichter dichtet, weil er muß,

gleichviel, ob’s andern ein genuß.

Wenn regen durch die decke rinnt

liegt er auf seinem bett und sinnt

den tropfen nach, die perlengleich

hinflitzen durch sein dichterreich.

Und wenn ihr ächzt, weil euch sein lied

befremdlich durch die därme zieht,

sag ich: umsonst ist der verdruß:

ein dichter dichtet, weil er muß!

Ein dichter dichtet, weil er muß,

reimt haus mit maus und schuß mit nuß.

Auch wenn sein versschlag nicht so sehr

gedrillt ist wie beim militär

und was darin sich hebt und senkt

sich ein-, manchmal aber auch ausrenkt,

und wenn es euch verworren dünkt:

wenn nur sein kummerstern ihm blinkt!

Ob musenkuß, alraunenkuß:

ein dichter dichtet, weil er muß!

Ein dichter dichtet, weil er muß,

gleichviel ob sich sein pegasus

gefährlich in die kurven legt:

wenn er nur seinen reiter trägt!

Gleichviel, ob seine reime schön

gestutzt in samt und seide gehn

und ob sie rein sind oder nicht:

das unwägbare hat gewicht!

Das ist der versheit letzter schluß:

ein dichter dichtet, weil er muß!

~*~

© Otto Haubner

(Aus dem Buch: “Rückläufige Stunden”)

 

Anne Seltmann 04.10.2008, 11.09 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Freiheit






Freiheit ist immer nur
die Freiheit
des anders Denkenden


~*~

Rosa Luxemburg



via Klages-Tages-Mail

Anne Seltmann 03.10.2008, 16.59 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Goldene Welt

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Im September ist alles aus Gold:
die Sonne, die durch das Blau hinrollt,
das Stoppelfeld,
die Sonnenblume, schläfrig am Zaun,
das Kreuz auf der Kirche,
der Apfel im Baum. Ob er hält,
ob er fällt?
Da wirft ihn geschwind
der Wind
in die goldene Welt.


~*~

© Georg Britting

Anne Seltmann 03.10.2008, 11.34 | (2/2) Kommentare (RSS) | TB | PL