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Tag: Lyrik

Pina Teil II ...


Die Reise der verlorenen Wünsche


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]



In der folgenden Nacht konnte Pina nicht schlafen.

Der Mond lag wie ein silbernes Versprechen über der Wiese, und etwas zog an ihr – leise, kaum spürbar, aber doch unübersehbar. Es war, als würde der Wind ihren Namen kennen.

„Pina…

Sie setzte sich auf, lauschte.

Da war es wieder. Kein Geräusch, kein Wort – eher ein Gefühl. Ein Ziehen in ihrem Herzen, leicht wie ein Hauch.

Sie flog los.

Über Gräser, die im Mondlicht schimmerten, über Blüten, die sich längst geschlossen hatten. Und dann sah sie sie.

Die Samen der Pusteblume.

Doch sie tanzten nicht mehr frei im Wind. Einige hingen schwer in der Luft, als hätten sie sich verirrt. Andere lagen still im Gras, als hätten sie ihren Weg verloren.

Pina flog näher.

„Was ist mit euch geschehen?, fragte sie leise.

Ein kaum hörbares Flüstern antwortete:
„Die Wünsche… wurden nicht zu Ende gedacht.

Pina runzelte die Stirn. „Was bedeutet das?

„Manche Wünsche, wisperte ein Samen, „werden begonnen… aber nicht geglaubt.

Die kleine Elfe spürte, wie etwas in ihr still wurde.

Sie streckte vorsichtig ihre Hand aus und berührte einen der Samen.

Augenblicklich sah sie Bilder.

Ein Kind, das sich etwas wünschte – und dann vergaß.
Ein Mensch, der hoffte – und dann zweifelte.
Ein Traum, der begann – und nicht weiterging.

Pina zog die Hand zurück.

„Können sie ihren Weg nicht allein finden?

„Nur, wenn jemand ihnen hilft, wieder leicht zu werden.

Die Elfe sah in den Himmel. Der Mond schwieg, aber sein Licht schien heller zu werden.

„Dann…, sagte Pina langsam, „bleibe ich bei euch.

Sie setzte sich ins Gras und begann, ganz leise, die Wünsche weiterzudenken.

Für jeden Samen ein kleines bisschen Hoffnung.
Für jeden Traum ein Stück Vertrauen.

Und nach und nach begannen die Samen wieder zu leuchten.

Erst schwach.
Dann stärker.

Einer nach dem anderen hob sich in die Luft, als hätten sie sich erinnert, wie man fliegt.

Pina lächelte.

„Geht nur, flüsterte sie. „Die Welt wartet auf euch.

Und als der erste Morgenhauch über die Wiese strich, war kein einziger verlorener Wunsch mehr zurückgeblieben.

Nur Pina saß noch da.

Und diesmal wusste sie ganz sicher:
Zauber war nicht nur etwas, das man findet.

Manchmal war er etwas,
das man weiterträgt.


 © Anne Seltmann




Anne Seltmann 14.04.2026, 06.12 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Marius Nature Thursday 2026 N° 11





sie stehen nicht lange

und doch stehen sie

als hätten sie zeit

 

ein rund

aus weiß

so leicht

dass es fast schon

verschwindet

im sehen

 

man könnte glauben

sie warten

 

aber worauf

 

nicht auf uns

nicht auf das bleiben

 

eher

auf ein lösen

 

der wind kommt

ohne sich anzukündigen

 

streift nur

und schon beginnt es

 

kein plötzlich

kein bruch

 

mehr ein nachgeben

 

ein samen

dann noch einer

 

als würde sich etwas erinnern

dass es nie gehalten war

 

sie gehen

nicht weg

 

sie verteilen sich

 

in richtungen

die niemand benennt

 

und das feld

verändert sich

ohne sich zu bewegen

 

es wird leerer

und gleichzeitig weiter

 

man steht davor

und versteht es nicht ganz

 

dieses

fast

 

dieses

gleich nicht mehr

 

und doch

 

bleibt etwas

 

nicht sichtbar

nicht greifbar

 

eher ein wissen

 

dass nichts

dafür gemacht ist

zu bleiben

 

und dass genau darin

 

eine form

von leichtigkeit liegt


~*~

© Anne Seltmann








Anne Seltmann 09.04.2026, 05.58 | (4/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Pina Teil I ...

und das Geheimnis der fliegenden Wünsche



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]




Auf einer stillen Wiese, dort wo der Wind nur flüstert und das Licht sich in den Halmen verfängt, lebte eine kleine Elfe namens Pina. 

Sie war neugierig, flink und kannte jede Blume beim Namen – dachte sie zumindest.

Eines Morgens blieb sie verwundert stehen.

Vor ihr wuchs eine Pflanze, die sie so noch nie beachtet hatte. Ein dünner Stängel, darauf eine runde, weiße Kugel, so leicht, dass sie bei jedem Hauch zu zittern schien.

„Was bist du denn?, fragte Pina und neigte den Kopf.

„Ich bin nur eine Pusteblume, wisperte es leise.

„Nur?, wiederholte die Elfe und trat näher. „Du siehst aus wie ein kleines Geheimnis.

Die Pusteblume schwieg einen Moment, dann löste sich ein einzelnes Samenkorn und tanzte in die Luft.

Pina folgte ihm mit den Augen. Und da geschah etwas Seltsames.

Für einen winzigen Augenblick veränderte sich die Welt.

Die Wiese leuchtete heller. Die Luft schimmerte. Und Pina hatte das Gefühl, als würde sie sich an etwas erinnern, das sie nie erlebt hatte.

„Warst du das?, flüsterte sie.

„Vielleicht, antwortete die Pusteblume sanft. „Vielleicht trage ich Wünsche.

„Wünsche? Aber die erfüllen doch nur wir Elfen!, sagte Pina erstaunt.

Ein leises Lachen ging durch die feinen Samen.

„Ihr Elfen gebt den Wünschen eine Stimme, sagte die Blume. „Ich gebe ihnen Flügel.

Wieder löste sich ein Samen, dann noch einer, und noch einer. Sie stiegen auf, getragen vom Wind, und mit jedem einzelnen wurde die Welt ein kleines bisschen weiter, ein kleines bisschen heller.

Pina setzte sich ins Gras und sah zu.

„Und wenn niemand sich etwas wünscht?, fragte sie nach einer Weile.

„Dann trage ich Träume, antwortete die Pusteblume.

Die Elfe lächelte. So etwas hatte sie noch nie gehört. Eine Blume, die Wünsche fortträgt, leise, unsichtbar, ohne dass jemand es merkt.

„Du bist gar nicht nur eine Pusteblume, sagte sie schließlich.

„Nein, flüsterte die Blume. „Aber die meisten sehen nicht genau hin.

Der Wind wurde stärker.

Die weiße Kugel löste sich langsam auf, ein Samen nach dem anderen, bis nur noch der Stängel blieb.

Pina blieb noch lange sitzen.

Und als sie später davonflog, nahm sie sich vor, von nun an jede noch so kleine Blume genau anzusehen.

Denn vielleicht, dachte sie,

war die Welt voller Zauber –

man musste nur lernen, ihn zu erkennen.

 

© Anne Seltmann




Anne Seltmann 07.04.2026, 09.05 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Marius Nature Thursday 2026 N° 07






der wald
ist kein ort
er geschieht

zwischen rinde und atmung
ein licht
das nicht fällt
sondern tastet

unter den füßen
das weiche gedächtnis
aus nadeln
aus jahren

ein knacken
(oder war es nur
mein denken?)

moos legt
seine kühle hand
auf den stein

und alles
was ich sagen wollte
zieht sich zurück
in wurzeln

der wald spricht nicht
er sammelt

atem
harz
schatten

und gibt mich
langsamer
zurück
als ich kam.


~*~

© Anne Seltmann




 





Anne Seltmann 26.02.2026, 06.20 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Marius Nature Thursday 2026 N° 06







Grashalme im Wind

als wären sie nur
ein gerücht von grün
stehen sie da

nicht einzeln
 ein flüstern in vielfalt
ein kaum

der wind liest sie
mit unsichtbarer hand
Zeile für Zeile
beugt sich bedeutung

und richtet sich wieder auf

kein widerstand
nur dieses mitgehen
als wüssten sie
wie man verliert
ohne zu fallen

zwischen zwei böen
ein zittern
das nicht angst ist

eher eine art erinnern
an etwas
das noch kommt

und schon da ist

im rascheln
schreibt sich die fläche fort
ohne rand
ohne besitz

nur bewegung
die bleibt
indem sie geht


~*~

© Anne Seltmann










Anne Seltmann 19.02.2026, 06.00 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Es war Freitag, der 13.



[KI generiert / Text © Anne Seltmann]





Die Menschen waren nervös. Sehr nervös.

Nur eine nicht.

Oben auf der alten Backsteinmauer saß Minka.
Schwarz. Glänzend. Mit einem Blick, der irgendwo zwischen
„Ich weiß etwas, was ihr nicht wisst
und „Wo ist mein Frühstück? lag.

Herr Meier kam aus dem Haus, blieb abrupt stehen –
und sah direkt in ihre gelben Augen.

„Na toll, murmelte er. „Eine schwarze Katze.

Er drehte sich um, um einen Umweg zu gehen –
und lief direkt gegen seine eigene Mülltonne.

Klong.

Minka blinzelte.
Das hatte sie nun wirklich nicht geplant.

Ein paar Häuser weiter ließ Frau Kruse vor Schreck ihren Schlüssel fallen,
nur weil Minka ihren Schwanz minimal bewegte.
Minimal!

„Das ist ein Zeichen! flüsterte jemand hinter dem Vorhang.

Ein Zeichen?
Minka putzte sich demonstrativ die Pfote.
Das einzige Zeichen hier war:
„Bitte mehr Thunfisch.

Doch dann wurde es interessant.

Herr Meier fand in seiner zerknitterten Jackentasche
einen längst vergessenen Zehn-Euro-Schein.
Frau Kruse bekam einen überraschenden Anruf mit guten Nachrichten.
Und der Postbote brachte ein Paket, das viel früher kam als angekündigt.

Langsam merkten die Menschen:
Vielleicht war Minka gar kein Unglücksbringer.

Vielleicht war sie einfach nur…
eine Katze.

Oben auf der Mauer streckte sie sich genüsslich,
ließ ihren Blick über die aufgeregte Nachbarschaft schweifen
und dachte – falls Katzen in ganzen Sätzen denken:

„Freitag, der 13.?
Ich sitze hier jeden Freitag.
Ihr seid nur heute besonders dramatisch.

Dann sprang sie elegant von der Mauer
und verschwand –
um vermutlich irgendwo anders
unschuldig Chaos verursacht zu haben.


© Anne Seltmann

 




Anne Seltmann 13.02.2026, 06.18 | (2/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Prosecco zum Frühstück

[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]






ich öffnete die flasche
als wäre der morgen ein versprechen
das noch niemand ausgesprochen hatte


die bläschen stiegen
wie kleine ängste
und zerplatzten
bevor sie jemanden verletzen konnten


ich trank
nicht aus durst
sondern aus der sehnsucht
alles ein bisschen leichter zu machen


draußen lachte die straße
als hätte sie mich schon immer gekannt
und ich legte die stadt in meine hände
so vorsichtig
wie man ein glas hält
das schon einmal gefallen ist


und irgendwo zwischen dem ersten schluck
und dem zweiten atemzug
wurde der morgen länger
als er sein musste

~*~


© Anne Seltmann

 


Keinverlag.de




Anne Seltmann 10.02.2026, 08.52 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Das Funkeln in dir


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]





Es beginnt kaum hörbar,

ein kaum gewolltes Aufleuchten,

das sich zwischen zwei Atemzügen versteckt.

Ein Überschuss aus Stille,

der sich nicht vertreiben lässt.

 

Ich sehe, wie es sich ausbreitet,

randlos,

als wüsste es mehr über dich

als du selbst.

Manchmal hält es sich zurück,

legt sich wie Staub

auf die inneren Fenster,

wartet ab,

ob du es tragen kannst.

 

Es funkelt nicht laut,

nicht für die Welt,

es hat keinen Anspruch

auf Bühne oder Beweis.

Es spricht in Schimmern,

in winzigen Bewegungen,

wenn du glaubst, du seist allein.

 

Vielleicht merkst du es,

wenn du stolperst,

wenn plötzlich ein Gedanke

heller ist als alle anderen

und du nicht weißt,

woher er kommt.


Vielleicht auch erst später,

wenn das Licht

einen ganzen Tag lang

nicht von dir lassen will.

 

Es ist das Funkeln,

das bleibt,

wenn du dich verlierst.

Das dich findet,

wenn du zu weit gehst.

Das sich verdichtet,

wenn du brennst,

und dich hält,

wenn du zu Asche wirst.


Ein Funkeln,

das nicht fragt,

nur da ist.

Eine Art innerer Kompass,

der nicht nach Norden zeigt,

sondern nach dir

~*~


© Anne Seltmann






Anne Seltmann 06.02.2026, 07.55 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Miesepiet Teil V.



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann] 




Miesepiet war gerade dabei, sich über den viel zu sonnigen Vormittag zu ärgern, als er sie sah.
Neben einer "riesigen Kirsche", die völlig unangemessen fröhlich rot glänzte, stand ein Erdmännchen-Weibchen. Auf dem Kopf trug sie einen "Strohhut mit Blumen", als hätte sie ihn nur angezogen, um sich noch entschlossener gegen gute Laune zu wehren.

Sie stiefelte im Kreis um die Kirsche herum und murmelte vor sich hin.
„Zu groß, knurrte sie. „Viel zu groß. Wer braucht denn bitte so eine Kirsche.

Miesepiet blieb stehen.
Endlich jemand mit Verstand.

„Genau, sagte er. „Völlig übertrieben. Und bestimmt sauer.

Das Weibchen blieb abrupt stehen und musterte ihn. Ihre Augen waren genauso mürrisch wie seine, nur ein kleines bisschen neugieriger.

„Du bist also auch keiner von denen, die alles gleich toll finden?, fragte sie.

„Im Gegenteil, sagte Miesepiet. „Ich finde fast alles unnötig.

Sie nickte zufrieden.
„Ich heiße übrigens Frieda, sagte sie. „Und ich bin grundsätzlich missmutig.

Das gefiel Miesepiet außerordentlich.

Gemeinsam setzten sie sich in den Schatten der Kirsche. Nicht, um sie zu bewundern – sondern um sich darüber zu beschweren, wie unpraktisch sie war. Zu rund. Zu prall. Zu optimistisch.

Doch während sie schimpften, passierte etwas Seltsames.
Das Schimpfen wurde ruhiger.
Die Pausen länger.
Und irgendwann lachten sie. Ganz kurz nur. Fast aus Versehen.

„Merkwürdig, murmelte Frieda. „Zu zweit ist das Missmutigsein irgendwie… weniger anstrengend.

Miesepiet dachte nach.
Das gefiel ihm gar nicht.
Und irgendwie doch.

Sie beschlossen, noch ein Stück gemeinsam weiterzustiefeln.
Nicht, weil sie plötzlich gut gelaunt waren.
Sondern weil es einfacher war, gemeinsam schlecht gelaunt zu sein.

Und die riesige Kirsche?
Die blieb zurück – ein bisschen beleidigt, aber das war sie ja inzwischen gewohnt. 


© Anne Seltmann


Anne Seltmann 31.01.2026, 09.50 | (2/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

In meinen Träumen

[mit Photoshop bearbeitet]





In meinen Träumen
sind die Wege leise,
und das, was schwer war,
legt sich ab
wie Staub im Abendlicht.

 

Ein Vogel zieht Gedankenfäden
durch den Himmel,
bindet sie
an das sanfte Ufer
meiner Hoffnung.

 

Ich atme weit -
und spüre,
wie die Stille
mich nicht mehr fürchtet
und ich sie auch nicht.

 

Dann werden Worte
zu kleinen Gärten,
und das Herz
setzt seine Schritte
behutsam
und dennoch mutig.

 

Und wenn ich erwache,
bleibt ein Funken
dieser stillen Klarheit -
wie Morgentau,
der sagt:
Du kannst neu beginnen.

~*~

© Anne Seltmann






Anne Seltmann 29.01.2026, 13.55 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL